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Die russische Seele der Region Stuttgart

Locationtour der Film Commission geht auf Spurensuche und findet mehr als dynastische Verbindungen zu den Romanows
Stuttgart, 10.10.2012 | 

Im Vorjahr zeigte die Film Commission Region Stuttgart Spielarten einer "(auto)mobilen Liebe", die Locationtour 2012 wandelte auf "Russischen Spuren in Stuttgart". Die 22 Teilnehmer besuchten Menschen und Orte, die das nordöstliche Eurasien in der Region repräsentieren wie der Laden von Olga Heim-Schumkova in Esslingen, wo man von georgischem Wasser über russisches Gebäck bis zum Salzhering alles bekommt, was die russische Seele braucht.

Dank der russischen Stadtführerin Evgenija Schmid eröffneten sich selbst auf bekanntem Terrain neue filmische Perspektiven für die teilnehmenden Autoren, Produzenten und Location Scouts. Die erste Anlaufstelle lag direkt vor der Tür der Film Commission: Auf dem Hoppenlaufriedhof liegen nicht nur berühmte Persönlichkeiten aus drei Jahrhunderten begraben, der Gottesacker birgt auch Geschichten, die von der engen Beziehung der Landeshauptstadt mit Russland erzählen. Da ist etwa Karl Eugen Freiherr von Hügel, der 1837 in Paris Alexandrine Werestschagin, die Tochter einer russischen Bojarenfamilie, heiratete.

Der Schriftsteller Wilhelm Hauff arbeitete als Hauslehrer für die adelige Familie, mit seinen Märchen und Sagen wie "Kalif Storch" und "Der kleine Muck" wurde er trotz seines frühen Todes unsterblich. Seine Erzählungen sind in Russland sehr bekannt, besonders die "Horrorgeschichten für Erwachsene". Unweit begraben liegt Georg Christian von Kessler, der übrigens Hoflieferant des russischen Zaren war. Im Wortsinn naheliegend war als nächstes Ziel die russische-orthodoxe St. Nikolaus-Kathedrale im Stuttgarter Westen.
Erzpriester Ilya Limberger entpuppte sich als versierter Gesprächspartner, der auch über die Geschichte des Gebäudes und seiner Gemeinde hinaus die engen Beziehungen des Hauses Württemberg mit den Romanows veranschaulichte. Hier begegneten die Tour-Teilnehmer erstmals Großfürstin Katharina Pawlowna, die nach ihrer Heirat mit dem württembergischen Kronprinzen Wilhelm in die Heimat ihrer Mutter zurückkehrte. "Innerhalb von nur drei Jahren hat sie viel auf die Beine gestellt", betont Limberger. Viele Ecken in Stuttgart erinnerten an diese starke Frau: Sei es das Katharinenhospital, die BW-Bank oder das Volksfest auf dem Cannstatter Wasen.
Die heutige Grabkapelle auf dem Württemberg - ebenfalls eine Station der Locationtour und ursprünglich als funktionierende Gemeindekirche gedacht ¬- war Begegnungsort des deutschen und russischen Adels. So gut es um die deutsch-russischen Beziehungen im 19. Jahrhundert stand, so schwierig gestalteten sie sich in den vergangenen 100 Jahren. "Das hat uns alles ziemlich versaut", sagt Limberger. Man spüre noch heute die Abneigung vieler älterer Schwaben. Der Kalte Krieg sei ihnen in Fleisch und Blut übergegangen: "Alles was vorher war, scheint wie weggewischt."
Die Firmentore von Electrostar öffnete der 30-jährige Roman Gorovoy und lieferte seine persönliche Geschichte gleich dazu. Die klingt schon fast märchenhaft, denn der Russe kam als Junge von Moskau ins Internat Salem. Sein Zimmergenosse und bester Freund war der Sohn des Firmenbesitzers von Electrostar aus Reichenbach/Fils. Die fast 100 Jahre alte Firma war über Generationen in Familienbesitz und geriet vor einigen Jahren in finanzielle Schieflage. Das schwäbische Unternehmen suchte einen Investor und Vater Gorovoy sprang ein.

Der Hersteller von Staubsaugern und Händetrocknern, die unter dem Namen Starmix vertrieben werden, bot schließlich Roman Gorovoy die Chance, sich als Unternehmer zu beweisen. Mit Erfolg. Doch Gorovoy hatte mehr als seine Lebensgeschichte zu bieten: Ein altes Verwaltungsgebäude aus den 1960er Jahren ist für Electrostar uninteressant geworden, doch für Filmschaffende eine spannende Location. Der Bau muss weichen, eine Renovierung wäre zu teuer. Bis zum Abriss kann der fünfstöckige Bau als Drehort genutzt werden - der Lack ist ab, doch der Industriecharme ist trotz angestaubter Details, toter Fliegen und abgeblätterter Fensterrahmen noch da.

In der Region gibt es natürlich Orte, die vom Glanz des russischen Zarenhofs erzählen, doch die Locationtour wollte mehr als die dynastischen Verbindungen mit der europäischen Großmacht zeigen; Kleinode wie das Clara-Zetkin-Haus in Sillenbuch oder ein Boxverein in Feuerbach erzählen manchmal mehr als die geschichtsträchtigen Orte. Den Trainingsraum des SV Gold-Blau haben die Mitglieder in Eigenregie aufgebaut. 60 Prozent der Sportler sind Russen, "der Rest kommt von überall her", sagt Vorsitzender Paul Tajbert und zeigt stolz die verschiedenen Flaggen, die den Raum zieren. "Jede Nation darf ihre Flagge aufhängen", betont der Kasache. Die vielen Plakate und Fotos beweisen, dass sich der Verein mittlerweile auf internationales Niveau hochgeboxt hat.

Wenn man russische Spuren sucht, bieten gerade die kleinen, persönlichen Begegnungen Stoff, aus dem Geschichten entstehen. Eine, die viel zu erzählen hat ist sicher Olga Heim-Schumkova, die in Esslingen die "Russische Seele" betreibt. Sie stammt aus dem europäischen Teil Russlands, wo der Don ins Asowscher Meer mündet. Sie ist der Liebe wegen in der Region Stuttgart gelandet. Die geht ja bekanntlich durch den Magen und so ist es kaum verwunderlich, dass spätestens bei der letzten Station, dem Forum R, die kulinarische Vielfalt Russlands in den Fokus rückte.

Das russische Forum ist Treffpunkt und Anlaufstelle für Osteuropäer in der Stuttgarter Landhausstraße. Die Gastgeber tischten verschiedene Köstlichkeiten aus ihrer Heimat aus wie zum Beispiel Plow, ein usbekisches Reisgericht, oder Pelmeni, die russische Variante der Maultasche. Mit einer verbreiteten Unrichtigkeit räumten Ernst Strohmaier, Vorsitzender der Deutschen Jugend Russland (DJR), und seine Netzwerkkollegen ebenfalls auf: Prost heißt "Sa sdorowje". Das allgemein gebräuchliche "Na sdorowje" ist eher Polnisch. Ein russischer Besucher ahnt, woher diese falsche Zuschreibung kommt: "Das stammt sicher aus einem Film."

Über die Film Commission
Die Film Commission Region Stuttgart ist die zentrale Beratungsstelle für alle Belange der Filmherstellung in der Region. Wir bieten als Servicezentrum individuelle Beratung und Informationen im Bereich Film. Das Angebot umfasst die projektbezogene Unterstützung bei der Suche nach geeigneten Drehorten sowie gezielte Informationen über technische und künstlerische Filmprofis, Talente, Produzenten und Dienstleister aus der Region. Wir sind Koordinator und Mediator an der Schnittstelle zwischen Filmproduktionen, Filmschaffenden, Motivgebern und öffentlichen Einrichtungen - zur Stärkung des Filmstandorts Region Stuttgart. Die Film Commission unterstützt nationale und internationale Produzenten beispielsweise beim Umgang mit Behörden und beim Einholen von Drehgenehmigungen. Als Kontaktstelle zur regionalen Filmbranche leistet sie effektive Unterstützung, die von Produzenten sehr geschätzt wird.

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PMT_Location%20Tour_2012.pdf(85 kB)