Suche

presseservice.region-stuttgart.de

Lichtscheue Kostbarkeiten

Die Graphische Sammlung der Stuttgarter Staatsgalerie feiert ihr 200-jähriges Jubiläum mit einer großen Schau von Dürer bis Warhol
Stuttgart, 21.07.2010 | 

Mit ihrem einzigartigen Architekturensemble und ihrer hochkarätigen Sammlung zählt die Staatsgalerie Stuttgart zu den wichtigsten Museen Deutschlands. Ein besonderes Schwergewicht ist die Graphische Sammlung, deren Bestand rund 400.000 Arbeiten von 12.000 Künstlern umfasst. Sie gehört damit zu den bedeutendsten ihrer Art in Deutschland.

Zum 200-jährigen Jubiläum ihrer Graphischen Sammlung zeigt die Stuttgarter Staatsgalerie in einer Auswahl von rund 300 herausragenden Arbeiten ein breites Spektrum von der Gotik bis zur Gegenwart in unterschiedlichen Techniken und Gestaltungsformen, die unter dem Sammelbegriff Graphik zusammengefasst werden: Holzschnitte, Aquarelle, Kupferstiche, Zeichnungen, Skizzen, Kostümentwürfe, vom Dürerblatt bis zum Papierknäuel von Martin Creed. Bis zum 1. November ist die Schau unter dem Titel "... nur Papier, und doch die ganze Welt" zu sehen. "Der Titel möchte aufräumen mit dem Vorurteil, Grafiken seien klein, schwarz-weiß und schwer zu verstehen", sagt Kuratorin Corinna Höper.

Die Graphik gilt als unscheinbare Schwester der Malerei, die oft spektakulär auftritt und repräsentativen Status genießt. Künstlerische Arbeiten auf Papier jedoch scheuen die Sonne wie der Teufel das Weihwasser. Licht ist der Todfeind von Papier - es wird brüchig und bleicht aus oder vergilbt. Daher können Graphiken immer nur für einen beschränkten Zeitraum in gedämpfter Umgebung gezeigt werden. Danach verschwinden sie schnell wieder in dunklen Schubladen. Dabei lohnt es sich sehr, auf Entdeckungsreise durch die faszinierende Welt der Graphik zu gehen, die sich keinesfalls nur in nüchternem Schwarz-Weiß darbietet.

Die Graphik hat viele Facetten. Holzschnitte entstanden um 1400 und waren, da sie einfach zu reproduzieren waren, günstige Alternativen zu teuren Gemälden. Auch Plakate und Buchillustrationen ließen sich auf diese Weise schneller herstellen. Bis zur Erfindung der Photographie Mitte des 19. und moderner Drucktechniken im 20. Jahrhundert waren es vor allem Holzschnitte, Kupferstiche, Radierungen und Lithographien, anhand derer Kunst verbreitet und vermittelt wurde. Auch Skizzen und Entwurfszeichnungen für Gemälde wurden bereits in vergangenen Jahrhunderten von Sammlern hochgeschätzt. Die Arbeiten auf Papier entwickelten sich im 19. und 20. Jahrhundert zu einer eigenständigen Kunstgattung.

Die Graphische Sammlung der Stuttgarter Staatsgalerie punktet mit einer einzigartigen Sammlung von frühen Lithographien und besitzt mit weit über tausend Blättern von Daumier Spezialbestände besonderer Eigenart. Mit den neuen Sammlungsschwerpunkten französischer Zeichnungen des 19. Jahrhunderts, der Druckgraphik um 1900 sowie der bibliophilen Buchkunst werden internationale Akzente gesetzt. Der erste Leiter der Stuttgarter Graphiksammlung zeigte sich noch alles andere als begeistert. Zum Dienstantritt im Jahr 1810, das heute als Gründungsdatum der Graphischen Sammlung gilt, bezeichnete sich der als Kustos eingesetzte Eberhard Wächter in damaliger Schreibweise sarkastisch als "Königl: ober-Hof Kupferstich-Zusammenleger".

Wächter, gebürtig aus Balingen, war Maler und notgedrungen in Stuttgart hängengeblieben, nachdem die Franzosen Rom, die damalige Kunsthauptstadt der westlichen Welt besetzt hatten. Obwohl er Jahre zuvor auf der Hohen Karlsschule hatte schmachten müssen, deren erbarmungsloser Drill schon Friedrich Schiller zu schaffen gemacht hatte, nahm er das Angebot des Königs an, da sich nichts Besseres erbot. Mit seinem Einzug ins Neue Schloss 1806 gründete König Friedrich I. (1754-1816) das »Königliche Cabinett der Kupferstiche und Handzeichnungen«. Bereits in den Anfangsjahren beinhaltete das Stuttgarter »Cabinett« über 20.000 Druckgraphiken, 260 gebundene Werke sowie rund 2.000 Zeichnungen.

In der Nazi-Zeit litt der Bestand unter Beschlagnahmungen und unter Bombenangriffen der Alliierten. Heute umfaßt die Sammlung 400.000 Exponate, die sich wie das Who is Who der Kunstgeschichte liest. Darunter sind Werke von Künstlergrößen wie Dürer und Raffael, Rembrandt und Tiepolo, Goya und Delacroix, Caspar David Friedrich und Rodin, George Grosz und Pablo Picasso, Andy Warhol und Roy Lichtenstein, bis hin zur Gegenwartskunst mit Tomma Abts, Tacita Dean und der Ikone der Punk- und New-Wave-Bewegung Patti Smith. Gut verständliche Erläuterungstexte zu den Bildern erleichtern dem Besucher den Zugang zur Graphik-Welt.

Dass Kunst auch eine Frage des Geldes ist, wird dem Besucher im letzten Raum deutlich: Dort hängen Werke, die sich die Staatsgalerie angesichts knapper Kassen bislang nicht kaufen konnte. Nun werden die Besucher angehalten, für den Kauf zu spenden oder Firmen als Spender zu aktivieren. "In der Kunstszene brauchen auch die staatlichen Museen immer mehr Gelder von privaten Kunstliebhabern, um ihre Bestände mit Gegenwartswerken zu erneuern und zu ergänzen", sagt Museums-Sprecherin Anette Frankenberger. Wer weitere Originale betrachten möchte, kann sich donnerstags von 15.00 bis 20.00 Uhr im Studiensaal der Graphischen Sammlung die gewünschten Werke vorlegen lassen.

Die Ausstellung endet am 1. November 2010

staatsgalerie-stuttgart.de