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Region Stuttgart will Fairtrade-Region werden

Verband Region Stuttgart startet Verfahren zur Zertifizierung – Steuerungsgruppe aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft begleitet
29.07.2021 | 

Die Regionalversammlung hat am Mittwoch beschlossen, dass für die Region Stuttgart eine Zertifizierung als Fairtrade-Region angestrebt werden soll. Sie beteiligt sich dazu an der Kampagne des Vereins TransFair e.V. in Köln. Die weltweite Kampagne „Fairtrade-Towns“ und „Fairtrade-Regionen“ wolle dem Thema fairer Handel zu mehr Sichtbarkeit verhelfen, führte Regionaldirektorin Dr. Nicola Schelling aus. Es gehe um die soziale Dimension der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Inzwischen gibt es über 2.000 Fairtrade-Kommunen in mehr als 36 Ländern. In Baden-Württemberg sind es bereits 99 Kommunen, davon 31 in der Region Stuttgart. Fünf weitere Städte und Gemeinden in der Region sind derzeit im Bewerbungsverfahren. Für eine Zertifizierung müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden.

Zertifizierung
Der Verband Region Stuttgart wird das Verfahren zur Zertifizierung als „Fairtrade-Region“ einleiten. Notwendig ist die Verwendung fair gehandelter Produkte seitens des Verbands selbst, aber auch von genügend Akteuren in der Region. Hierfür muss eine nach der Gesamteinwohnerzahl der Region festgelegte Zahl von Organisationen aus der Zivilgesellschaft Produkte aus fairem Handel verwenden. Dieses Kriterium ist für die Region bereits erfüllt. Zudem müssen ausreichend Einzelhandelsgeschäfte, Cafés und Restaurants mindestens zwei fair gehandelte Produkte anbieten. Nach heutigem Stand wird diese Voraussetzung dann erfüllt, wenn alle die in Bewerbung befindlichen Kommunen in der Region Stuttgart eine Zertifizierung erhalten haben. Darüber hinaus sollen Bildungsaktivitäten zum Thema „fairer Handel“ durchgeführt werden, ebenso ist eine umfassende Öffentlichkeitsarbeit beispielsweise durch Fairtrade-Veranstaltungen vorgesehen.

Steuerungsgruppe
Für den Weg dahin bedarf es einer Steuerungsgruppe. Diese Steuerungsgruppe koordiniert zuerst den Weg hin zur zertifizierten Fairtrade-Region und begleitet dann den weiteren Prozess mit Impulsen und Ideen. Sie soll aus Mitgliedern unterschiedlicher gesellschaftlicher Bereiche bestehen, die über umfassende Netzwerke in die Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft verfügen. Dies soll den „fairen Gedanken“ in der Region voranbringen. Folgende Besetzung ist vorgesehen: je eine Vertretung der sieben Fraktionen der Regionalversammlung, der Verbandsvorsitzender, die Regionaldirektorin sowie zwei Personen aus der Geschäftsstelle des Verbands Region Stuttgart. Eingeladen werden zudem je eine Vertretung aus einer Eine-Welt-Initiative, der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH, der Kulturregion Stuttgart e.V., der Sportregion Stuttgart e.V., des Dialogforums der Kirchen in der Region Stuttgart, die Hochschul- und Wissenschaftsregion Stuttgart e.V, die JugendRegion Stuttgart sowie die Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart. Die Zertifizierung muss alle zwei Jahre erneuert werden.

Stimmen der Fraktionen
„Die Erfahrungen aus der Pandemie haben gezeigt, wie eng die ganze Welt ineinander verwoben ist“, sagte Susanne Wetterich (CDU/ÖDP). „Erfolgreich zu sein, erfordert, über den Tellerrand zu schauen“. Auch die Fairtrade-Idee folge dem weltweiten Ansatz. Dabei gehe es um eine gleichberechtigte Partnerschaft des Nordens mit dem Süden. „Fairtrade-Region“ zu sein, stärke das Image. Deshalb sei es auch richtig, dass diesen Titel nur erhält, wer klare Kriterien erfüllt. Es gehe darum nachzuweisen, dass der Fairtrade-Gedanke einen stabilen Rückhalt in der gesamten Region hat und sich ihm Kommunen ebenso wie Institutionen der Zivilgesellschaft in ausreichender Zahl verpflichtet fühlen. Hierfür bedürfe es in den nächsten Jahren einiger Anstrengungen „Machen wir uns also auf den Weg“, so Wetterich.

Der heutige Beschluss sei „notwendig und überfällig“, konstatierte Margit Riedinger (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN). Ihre Fraktion habe beantragt, dass der Verband Region Stuttgart ein fairer Verband werden soll. Allein mit Fairtrade seien „komplexe Probleme marginalisierter Regionen“ nicht zu lösen, aber als Teil einer breiteren Entwicklungsstrategie führe der faire Handel zu sozialen, wirtschaftlichen und ökonomischen Verbesserungen, so Riedinger. Besonders begrüßte sie das kürzlich verabschiedete Lieferkettengesetz. Weiter: „Die angestrebte Auszeichnung darf nicht das Ende der Bemühungen sein, sondern der Anfang.“ Eine gute Vernetzung in die Zivilgesellschaft sei wichtig. Ihre Fraktion werde den weiteren Prozess aktiv begleiten und unterstützen.

Als Oberbürgermeister einer bereits zertifizierten Stadt, meinte Gerd Maisch (Freie Wähler): „Fairtrade ist mehr als bessere Preise für die Erzeuger in den Schwellen- und Entwicklungsländern. Es geht auch um Sozial- und Umweltstandards“. Erfreulicherweise sei das Angebot an fair gehandelten Produkten vielfältig. Sein Appell: „Fairtrade kann auch mit einem überschaubaren persönlichen Aufwand unterstützt werden“, so Maisch weiter. Es komme nun auf das Handeln an. Um das Bewusstsein für fairen Handel zu stärken, brauche es Multiplikatoren. Deshalb sei es gut, wenn nicht nur viele Kommunen zertifiziert sind, sondern auch die Region.

„Was lange währt, wird endlich gut“, sagte Andrea Klöber (SPD). Mit Blick auf einen Antrag ihrer Fraktion vor Jahren für eine Fairtrade-Region führte sie fort: „Jetzt, nach weiteren Anträgen aus der Mitte der Regionalversammlung, nimmt das Thema Gestalt an.“ Die Geschäftsstelle habe in der Umsetzung des Fairtrade-Gedankens „noch deutlich Luft nach oben“. Klöber bat die Geschäftsstelle, „endlich Nägel mit Köpfen zu machen.“ Sie hege keinen Zweifel, dass die Region Stuttgart die nötige Zertifizierung erhalte. Es sei wichtig, endlich ins Tun zu kommen, um dem Ziel einer weltweit fairen Wertschöpfungskette näherzukommen.

Fairer Handel solle auch für Unternehmen Richtlinie des Handelns sein, forderte Daniel Lindenschmid (AfD): „Qualität, anständige Löhne und die Sicherung regionaler Arbeitsplätze müssen ein gewichtiger Faktor bei der Vergabe von Aufträgen sein.“ Mit dem Antrag seiner Fraktion, bei Veranstaltungen der Region fair gehandelten Kaffee und Tee aus Burundi anzubieten, sei ein „wichtiger Grundstein für faire Produkte“ gelegt. Die AfD bekannte sich zur sozialen Marktwirtschaft, nur sie wahre die soziale Sicherheit.

Volker Weil (FDP) meinte: „Es ist keine Frage, dass die Produzenten ihren angemessenen Anteil an der Wertschöpfung erhalten müssen.“ Fair handeln müsse für alle gelten. Er bemängelte jedoch, dass die Steuerungsgruppe für eine effektive Arbeit „zwei Nummern zu groß“ sei. Für die Strategie einer Fairtrade-Region Stuttgart hob er die Region Nürnberg mit dem Ansatz „fair, regional und bio“ als gutes Beispiel hervor.

Christoph Ozasek (DIE LINKE/PIRAT) kritisierte viele ethische, ökologische und soziale Belastungen, die mit dem Konsum von Lebensmitteln einhergehen. Er bemängelte zudem das „schleppende Engagement“ des Verbands Region Stuttgart bei „ökofairer“ Bewirtung und Beschaffung seit einem Antrag seiner Fraktion seit einigen Jahren. Die Fairtrade-Region mit ihrem partizipativen Prozess sei ein „wichtiges Signal“.

Hintergrund:
Die Kampagne „Fairtrade-Towns“ und „Fairtrade-Regionen“ startete im Jahre 2000 in Großbritannien. 2008 ist auch Deutschland hinzugekommen. Weltweit zählen derzeit etwa 1,66 Millionen Bauern und Arbeiterinnen zum Fairtrade-System, 1240 Fairtrade-Produzentenorganisationen sind in insgesamt 75 Ländern tätig. Rund 88 % der Produzenten sind Kleinbauern, 12 % sind Beschäftigte auf Plantagen.

Mehr zu der Kampagne unter https://www.fairtrade-towns.de/aktuelles
Presseinformation als PDF-Download
Karte Fairtrade-Kommunen in der Region Stuttgart als PDF Download