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Seele und MuSeele

Im Göppinger Christophsbad zeigt ein kleines Museum die Geschichte der Psychiatrie
09.11.2012 | 

Sie haben ein Rad ab, einen Vogel oder einen Sprung in der Schüssel, so urteilte der Volksmund lange über Menschen, die andere mit ihren seelischen Verletzungen konfrontieren. Bevor sich die moderne Psychiatrie der Seelenkranken annahm, wurden sie meist ausgegrenzt, isoliert, weggesperrt oder mit drastischen Mitteln "therapiert". Die Psychiatrie als moderne Wissenschaft entstand erst im 19. Jahrhundert. In Göppingen gibt das MuSeele in Dauer- und Wechselausstellungen Einblicke in die Therapiegeschichte und versucht auch Vorbehalte und Klischees abzubauen.

Das MuSeele, eine originelle Wortschöpfung aus Museum und Seele ist ganz im schwäbischen Wortsinne wirklich ein Museele. Das Museum für Psychiatriegeschichte und Geschichten aus der Psychiatrie wurde 2004 gegründet. Engagierte Mitglieder der örtlichen Kliniken sowie ein gemeinnütziger Verein betreiben das kleine, aber feine Museum, das im Dachgeschoß des Alten Badhauses, direkt neben dem Krankenhaus angesiedelt ist.

Das Gebäude ist Teil des Christophsbads. Seit 1404 bestand hier ein Bad, dessen heilsame Quellen über die Jahrhunderte hinweg gerne in Anspruch genommen wurden. Den Namen erhielt es von Herzog Christoph, der 1550 unter einer Vergiftung litt und mit Hilfe des Heilwassers genesen konnte.

Vor 160 Jahren eröffnete der Arzt Heinrich Landerer hier eine private "Heil- und Pflegeanstalt für Gemüts- und Geisteskranke". Das war die Geburtsstunde des Christophsbads. Staatliche psychiatrische Pflegeplätze waren Mitte des 19. Jahrhunderts im Königreich Württemberg Mangelware und die moderne Psychiatrie begann sich erst langsam zu entwickeln.

Das gleichnamige Krankenhaus umfasst heute sechs verschiedene Kliniken, darunter die renommierte psychatrische und neurologische Klinik. Außerdem bietet das Christophsbad ausgezeichnete ambulante Therapiemöglichkeiten an sowie einen spezialisierter Heimbereich mit insgesamt rund 1.000 Mitarbeitern und 750 Plätzen.

Das MuSeele zeigt nicht allein Utensilien und Geräte, Zwangsjacken und Gitterbetten, in denen die Kranken gehalten wurden, sondern auch Gegenstände ehemaliger Patienten der Christophsbad-Klinik. Diese erzählen ihre ganz eigene Geschichte.

Dazu gehören auch kleine Kunstwerke, wie eine Skulptur aus Ton, die im Rahmen einer Kunsttherapie entstanden ist. Der Patient hat einen Menschen in gebückter Haltung geformt und die Arme schützend um demn Körper legt. Ein gewöhnlicher Teddybär verwundert die Besucher. Auch die Klinikmitarbeiter rätselten lange, wie sich ein traumatisiertes Mädchen regelmäßig selbst Verletzungen zufügen konnte. Die Lösung fand sich im Bauch des Plüschbären. Darin hatte die kleine Patientin Rasierklingen versteckt.

Das Psychiatriemuseum pflegt eine unverkrampfte Art der Aufklärung und viele Besucher beginnen nach ihrem Rundgang von eigenen Erlebnissen im Bekannten- und Freundeskreis zu erzählen. Das MuSeele zieht auch viele Fachbesucher an. In vergangenen Ausstellungen wurde so unterschiedliche Themen wie Jugendpsychiatrie in den Vordergrund gerückt, aber auch der historische Umgang mit seelisch und geistig kranken Menschen in anderen Ländern Europas.

2008 ist das ehrenamtlich betriebene Museum von der Deutschen Gesellschaft für Sozale Psychiatrie ausgezeichnet worden. Der Leiter des Museums Rolf Brüggemann, der auch Psychologe im Christophsbad ist, hat mit der Kunsttherapeutn Gisela Schmid-Krebs zudem einen europäischen Führer verfasst, in dem alle Museen, die sich der Psychiatrie widmen, wie auch Euthanasie-Gedenkstätten vorgestellt werden.

Die Geschichte des Christophsbads ist ein Spiegelbild der jeweiligen Zeit, nicht allein, was medizinische Errungenschaften und Veränderungen und Entwicklungen in der Psychiatrie betrifft. Das dunkelste Kapitel war die Zeit des Nationalsozialismus. Stellvertretend für die vielen namenlosen Patienten, die von hier verschleppt und ermordet wurden, haben die Museumsmacher die Lebensgeschichte des jüdischen Dichters Jakob van Hoddis aufgegegriffen. An die vielen Opfer, von denen einzig ihre persönliche Habe zeugt, erinnert eine eindrückliche Installation aus Koffern mit dem Titel "Vergast - Vergessen".

Am 14. November eröffnet eine neue Ausstellung mit grotesk-witzigen und dennoch unheimlich erscheinenden Buntstiftzeichnungen von Karl Müller (1872 - 1925), der zehn Jahre seines Lebens in der Psychiatrie verbrachte. Während dieser Aufenthalte in den Anstalten Winnenden und Göppingen hat er über 100 kleinformatige Zeichnungen angefertigt, die sein inneres und äußeres Erleben dokumentieren.

Zur Vernissage am Mittwoch, 14. November um 17.00 Uhr führt die Kunsttherapeutin Gisela Schmid-Krebs in die Ausstellung ein.

www.museele.de

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