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Positiver Trend erkennbar

Region erwartet Aufwärtstrend bei der Fahrgastentwicklung bei der S-Bahn
05.05.2022 | 

Auch im Jahr 2021 hat die Corona-Pandemie den ÖPNV besonders betroffen: Die Fahrgastzahlen sind entgegen dem langjährigen Trend nochmals gesunden. Die Gesamtzahl der Fahrgäste lag im Jahr 2021 bei 69,5 Mio. (2020: 78,6 Mio.) Dies entspricht einem Rückgang von 48 Prozent zum Jahr 2019 (132,9 Mio.). Ein detaillierter Blick auf die Zahlen zeigt zudem, dass neben der Pandemie auch die Sperrung der Stammstrecke für dringend notwendige Modernisierungsarbeiten sowie die Folgen des Streiks im Bahnverkehr zum weiteren Rückgang geführt haben. Gleichzeitig ist vor allem im vierten Quartal ein Aufwärtstrend zu erkennen, der Hoffnung auf die Fahrgastentwicklung in den kommenden Jahren macht. In der Sitzung des Verkehrsausschuss des Verbands Region Stuttgart wurden die aktuellen Zahlen aus 2021 im Detail vorgestellt und über die Konsequenzen für die kommenden Jahre diskutiert.

„Der Zahlen aus dem letzten Quartal 2021 zeigen uns einen ersten positiven Trend bei den Fahrgastzahlen“, sagte Dr. Jürgen Wurmthaler, Leitender Direktor für Verkehr und Wirtschaft beim Verband Region Stuttgart. Gleichzeitig deute die Auswertung von Mobilfunkdaten an, dass das Mobilitätsverhalten stark ansteige und das Potenzial an Reisenden wieder da sei. „Darum gilt es jetzt den Kapazitätsausbau weiter voranzutreiben, um nicht nur Fahrgäste zurückzugewinnen, sondern auch neue Fahrgäste zu überzeugen“, so Wurmthaler in der Sitzung des Verkehrsausschusses. Verkehrsunternehmen und -Träger werden alles daransetzen, um an den langjährigen Aufwärtstrend der Vor-Corona-Jahre anzuknüpfen. 

Fahrgastzahlen 2021

Die Nachfrage der S-Bahn-Fahrgäste war im Jahr 2021 eng mit dem Infektionsgeschehen verknüpft. Seit Dezember 2020 galt in Deutschland ein weitreichender Lockdown mit Empfehlung zur Arbeit aus dem Homeoffice und geschlossenen Schulen, Freizeiteinrichtungen und geschlossener Gastronomie. Dadurch entfiel für viele potenzielle Fahrgäste der Anlass, ein öffentliches Verkehrsmittel zu nutzen. Erst im späten Frühjahr gab es eine stückweise Wiederöffnung und damit einhergehend eine Erholung der Fahrgastnachfrage. Mit steigenden Infektionszahlen ab Oktober/November und der erneuten Homeofficepflicht sanken die Zahlen zum Jahresende wieder ab. Darüber hinaus gab es 2021 noch weitere Ereignisse, die sich an den Fahrgastzahlen ablesen lassen. So wurde die Stammstrecke zwischen Hauptbahnhof (tief) und Stuttgart-Vaihingen baustellenbedingt für einen Zeitraum von sechs Wochen während der Sommerferien komplett gesperrt. Die Ausdünnung des Angebots auf einen Halbstundentakt auf vielen Streckenabschnitten, die Nichtbedienung der innerstädtischen Bahnhöfe durch die S-Bahn sowie auch die technischen Probleme im Zusammenhang mit der Nutzung der Panoramabahn als Umleitungsstrecke hatten sich merklich auf die Fahrgastzahlen der S-Bahn im August und September ausgewirkt. Zudem führte die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) während der Sommerferien mehrmals umfangreiche Streiks durch, woraufhin der ohnehin schon ausgedünnte Fahrplan noch weiter reduziert werden musste.

Trotzdem zeigten die Fahrgastzahlen im Jahr 2021 auch einen positiven Trend. Aus den detaillierten Zahlen lässt sich erkennen, dass die Gesamtzahl der Fahrgäste nur deshalb eine weitere Abnahme von 2020 zu 2021 zeigte, da die Anfangsmonate Januar bis Mitte März 2020 noch die starken Nachfragewerte vor der Pandemie hatten und der Einbruch der Nachfrage in den Sommerferien 2021 ungewöhnlich stark war. In vielen Monaten lag die Nachfrage in 2021 wieder über den Werten von 2020 und vor allem der deutliche Anstieg im 4. Quartal 2021 lässt den Schluss zu, dass die Nachfrage im Großen und Ganzen eine Erholung im Vergleich zum Vorjahr verzeichnen kann.

Digitale Angebote

Die digitalen Angebote in der S-Bahn wurden im Jahr 2021 verstärkt genutzt. Seit Juli 2019 verfügen alle Fahrzeuge der S-Bahn über die technischen Voraussetzungen für die WLAN-Nutzung durch die Fahrgäste. Im Mittel loggten sich rund 19 Prozent der S-Bahn-Fahrgäste mit einem Endgerät in das WLAN ein, monatsbezogen schwankten die Werte in einer Bandbreite zwischen 17 und 22 Prozent. Der durchschnittliche Datenverbrauch je Endgerät stieg von rund 65 Megabyte im Jahr 2020 auf etwa 89 Megabyte im Jahr 2021 an. Positiv ist auch die Entwicklung bei der Nutzung des Zugportals von S-Bahn und Verband Region Stuttgart. Mitte 2021 wurden die technischen Voraussetzungen für den Zugang ins Zugportal vereinfacht, so dass im Zuge dessen ab Juni 2021 die Zugriffszahlen deutlich anstiegen. Die monatlichen Besuchszahlen des S-Bahn-Zugportals sind von rund 220.000 im Juni auf fast 394.000 im Oktober angestiegen. Im Durchschnitt nutzten etwa 5 Prozent der Fahrgäste dieses Angebot, um Reisenden-Informationen abzurufen, Nachrichten zu lesen oder sich anderweitig zu unterhalten.

Stimmen aus den Fraktionen

Für Helmut Noë (CDU/ÖDP) ist die Pandemie weiterhin der Hauptgrund für die schlechten Fahrgastzahlen: „Wir müssen viel Geduld mitbringen, um wieder auf die Werte von 2019 zu kommen und uns zugleich fragen, welche Mittel wir haben, um das zu forcieren.“  Beim Thema Finanzierung müsse man als Verkehrsträger für die S-Bahn darauf setzen, dass Bund und Land die Ausfälle ausgleichen. „Alle Beteiligten müssen sich anstrengen, dass aus dem Silberstreif, der aktuell erkennbar ist, eine strahlende Sonne wird“, hofft Noë auf den aktuell positiven Trend.

Die Auswertung der Zahlen zeigen Michael Lateier (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) nochmals deutlich, dass es bestimmte Strecken gebe, die stärker belastet sind: „Hier müssen wir ansetzen: Wo sind Steigerungen möglichen auch außerhalb der bisherigen Linien, zum Beispiel auf der Schuster- oder  Panoramabahn?“ Gleichzeitig befinde man sich beispielsweise mit der beschlossenen Imagekampagne für die S-Bahn auf einem guten Weg: „Wir gehen es an.“ Zudem sei zu prüfen, inwiefern man die WLAN-Nutzerzahlen in der S-Bahn noch besser für die Erfassung tagesaktueller Fahrgastzahlen nutzen könne.

Für Bernhard Maier (Freie Wähler) liegen die aktuell schwachen Fahrgastzahlen nicht an der Qualität der S-Bahn, sondern an Corona und neuen Arbeitssituationen. „Keiner kann beantworten, ob und wann wir wieder das Niveau von 2019 erreichen.“ Man müsse sich jetzt auf die Gegenwart konzentrieren. „In den letzten beiden Jahren haben Rettungsschirme die Ausfälle gedeckt, für 2022 gibt es noch keinerlei Zusagen“, so Maier. Er befürchtet, dass man sich im Herbst mit massiven Tariferhöhungen befassen müsse.

Michael Makurath (SPD) sieht den Rückgang von fast 50 Prozent bei den Fahrgastzahlen als gravierend an: „Das zeigt uns zugleich, vor welchen wirtschaftlichen Herausforderungen der ÖPNV steht.“ Man müsse die Fahrgäste zurückgewinnen: „Ob das mit Marketingmaßnahmen funktioniert, wird sich zeigen“, so Makurath weiter. Wenn es langfristig zu geringeren Fahrgastzahlen kommt, werde man sich auch tariflichen Fragen stellen müssen. „Besondere Lagen brauchen besondere Antworten“, so Makurath, der zudem die erste Klasse in Frage stellt: „Warum betreibt man für so einen kleinen Anteil an Reisenden einen so großen Aufwand?“

Gabriele Heise (FDP) sieht durchaus einen Silberstreif am Horizont bei den Fahrgastzahlen: „Wir müssen aber gleichzeitig deutlich nach außen tragen, was der ÖPNV kostet, um die Wertigkeit des ÖPNV zu steigern.“ Vor allem die vielen Kapazitätserweiterungen werden sich finanziell bemerkbar machen. „Entsprechend werden wir im Herbst Diskussionen über Tarifsteigerungen führen müssen.“

Für Michael Knödler (DIE LINKE/PIRAT) zeigen die Zahlen deutlich, dass die Pandemie nicht vorbei ist. „Wir hoffen, dass die Infektionszahlen nicht wieder steigen und sich das erneut auf die Fahrgastzahlen auswirkt.“ Er sehe verstärktes Homeoffice durchaus positiv: „Wer zu Hause arbeitet, fährt nicht Auto auf der Straße und nimmt keine Plätze in der S-Bahn weg“, so Knödler.

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